Alles gut (?)
Gelbstirnamazone
Coco am Meer (2015)
Gelbstirnamazone schreddert
Coco frisch geduscht, beim Schreddern, im Regal ...
Gelbstirnamazone frisst Löwenzahn (2008)
Coco speist Löwenzahn
Gelbstirnamazone frisst Walnuss (2016)
Coco speist Walnuss
Gelbstirnamazone putzt sich
Coco zuhause ...
Gelbstirnamazone schläft
... und im Garten
Gelbstirnamazone mit grauem Star (2013)
Cocos grauer Star (2013)
Gelbstirnamazone auf Parkbank
Coco unterwegs ...
Gelbstirnamazone zeigt bunte Federn
Coco im Urlaub

Coco futtert Spaghetti und bestellt Nachschub
Cocos Leben (Kurzversion)

Coco ist ein Prachtexemplar der Gattung Amazonenpapagei, Unterart Gelbstirnamazone. Sein Geschlecht ist nicht bekannt. Mein Gefühl sagt mir, er ist ein Hahn, denn er will der Chef sein, liebt Frauen, ist eine Kämpfernatur und hat noch nie ein Ei gelegt. Geboren wurde er irgendwann irgendwo in Mittel- oder Südamerika, vermutlich in Venezuela oder Panama. Wie viele seiner Artgenossen wurde er wohl als Jungtier aus seiner Baumhöhle geraubt und auf einem Hafenmarkt zum Verkauf angeboten. Sein erster Besitzer war ein Hamburger Seemann, der mit ihm über einen unbekannten Zeitraum zwischen Hamburg und Südamerika zur See fuhr. Eines Tages musterte der Seemann aus und vererbte Coco kurz darauf an seine Kinder, die ihn 1973 auf einer Vogelbörse an die Eltern meiner künftigen Lebensgefährtin verkauften.

Ein neues Zuhause

Cocos neue Familie: Ein Mann, seine Frau, drei Töchter, ein Zebrafink, ein Wellensittich und eine Dackeldame. Ursprünglich war Coco als Haustier für die älteste Tochter vorgesehen, doch dieser Plan ging gründlich schief. Coco begrüßte sie mit einem kräftigen Biß in ihren Arm und wurde umgehend an die mittlere Tochter weitergereicht. Anfangs durfte er schon mal seinen Käfig verlassen, und in Ermangelung von Schreddermaterial schälte er eben die Tapete von den Wänden, was zur Folge hatte, dass seinem Freiheitsdrang zumeist in Form der Käfigtür ein Riegel vorgeschoben wurde. In den folgenden Jahren erlernte Coco auch seinen Wortschatz, der gewisse Rückschlüsse auf seine damalige psychosoziale Lebenssituation erlaubt: "Coco", "Huhu", "Auf Wiedersehen", "Papa, aufstehen" und "Wau, Wau!". Jawohl, Coco bellt! Trotz eingeschränkter Freiheit ging es ihm in dieser Lebensphase relativ gut, denn er hatte genug zu essen, war in Sicherheit vor Gefahren aller Art, genoss ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit und war in einen lebhaften "Schwarm" integriert.

Im Sommer 1986 (mittlerweile lebte ich mit Cocos Besitzerin zusammen) nahmen wir Coco für 3 Wochen als Urlaubsgast bei uns auf. Und wie es das Leben so wollte: Aus den drei Wochen wurden Jahre. Für Coco bedeutete das die nächste gravierende Änderung seiner Lebensumstände.

Das erste Stückchen Freiheit

Gleich nachdem Coco bei uns einzog, öffnete ich seine Käfigtür. Meine Freundin war davon nicht wirklich begeistert:
"Du kannst doch nicht einfach seine Tür aufmachen! Was denn, wenn er fliegt?"
"Dann fliegt er eben. Die Tür jedenfalls bleibt offen."
Das blieb sie dann auch (tagsüber).

Coco erfreute sich sichtlich an seiner kleinen Freiheit. Kaum wurde morgens sein Käfig abgedeckt, schwang er sich raus und kraxelte auf die Sitzstange oder auf seinen Kletterfreisitz. Er lebte richtig auf, sang und pfiff kleine, selbstkomponierte Tonfolgen, brüllte nach Herzenslust und artikulierte heiter und mit stolzgeschwellter Papageienbrust seinen kleinen Wortschatz. Neue Worte mochte er nicht mehr lernen. Nach einer ersten Körnermahlzeit wanderte er durch die Wohnung und erkundete dabei mit besonderem Interesse jegliche Ecken und alles andere, was auch nur im Entferntesten einer potenziellen Höhle ähnelte. Abgesehen von einer sehr lauten Glocke interessierte er sich kein Stück für sein Spielzeug. Viel interessanter waren da doch die Türkanten der Küchenzeile, die für seinen Schnabel das beliebteste Schredderobjekt waren, dicht gefolgt von der untersten Etage des Küchenregals bis hin zum PVC-Belag des Küchenbodens und dem Teppichboden im Flur. Eines Tages platzierte ich eine Baumscheibe aus Kastanienholz in der betroffenen Regaletage, um ihm ein (vermeintlich) geigneteres Raspelobjekt anzubieten. Zwecklos. Das Regalbrett "schmeckt" ihm einfach besser, also tausche ich hin und wieder das irgendwann komplett durchgenagte Brett gegen "Frischholz" aus. Teppichboden und PVC wurden mittlerweile durch Kork ersetzt, den er aber ebenso gern "mag". So schreddert er seit 30 Jahren vorweg und ich flicke brav hinterher. Und das ist auch gut so, denn das Schreddern erspart ihm das Schnabel abfräsen und Krallen schneiden beim Tierarzt.

Bisse, Blut, Gelächter

Papageien können ordentlich zubeißen. Ein Hyazinthara beispielsweise "knackt" Paranüsse splitterfrei, amputiert mühelos einen Finger und zerteilt sogar einen Besenstiel. Der Biß einer Amazone ist da natürlich deutlich "angenehmer", aber trotzdem noch ziemlich schmerzhaft, je nach dem, mit welcher Intensität der kleine Liebling zubeißt - und wohin. Als wäre das nicht genug, entwickeln Papageien in solchen Momenten auch noch eine Art Schnabelsperre. Man muss entweder warten, bis das Tier für einen nächsten Biss den Schnabel kurz öffnet oder HÖCHST VORSICHTIG den Oberschnabel greifen und nach oben ziehen, um dem Schnabel-Schraubstock zu entkommen. Dies ist jedoch besonders schmerzhaft, da sich dabei der rasiermesserscharfe Unterschnabel immer tiefer ins Fleisch gräbt. Bei einem Befreiungsversuch muss man unbedingt, egal, wie weh es tut, sehr ruhig und behutsam agieren. Den Schnabel zu verletzen oder gar zu brechen, wäre das Todesurteil für den lebenslang treuen Gefährten.

Kurz nach seinem Einzug startete Coco seinen ersten Flug in meinem Arbeitszimmer. Das war ein spektakuläres Erlebnis für mich. Instinktiv machte ich einen "Katzenbuckel", um ihm einen Landeplatz zu bieten, und wie geplant landete er auf meinem Rücken. Langsam richtete ich mich auf und hoffte, er würde auf meine Schulter klettern, wie es für einen echten Piratenpapagei gehört. Ich glaube, das wollte er auch, doch statt Coco auf meiner Schulter spürte ich einen heftigen Schmerz: Coco hatte mich in den Hals gebissen. Ich war total geschockt, schrie "Aua, meine Halsschlagader!" und griff mit beiden Händen nach hinten Richtung Genick. Damit ging das Gemetzel erst richtig los. Ich spürte einen Biss nach dem nächsten, in den Hals, in die Hände und die Finger. Inzwischen kam auch meine Freundin dazu und erzählte mir später, dass Coco mit aufgefächerten Flügeln in meinem Genick sass, wie ein Adler, der seine Beute abschirmt, und höchst erregt seinen Schnabel an mir austestete. Schließlich gelang es mir, ihn abzuschütteln. Doch was war passiert? Dummerweise hatte ich nicht daran gedacht, dass ich einen lockeren Pullover trug und Coco naturgemäß schwerer ist als ein Wellensittich. Als mich aufrichtete, rutschte er ab, bekam Angst und wollte sich irgendwo (leider in Nähe meiner Halsschlagader) mit seinem Schnabel festhalten. Als dann noch meine Hände bedrohlich auf ihn zu kamen, geriet er natürlich erst richtig in Panik und versuchte einfach nur, sich gegen eine (vermeintliche) Bedrohung zu verteidigen..

Ein paar Jahre später - meine Freundin war inzwischen meine Ex-Freundin - kam sie mal wieder zu einem ihrer damals regelmäßigen Besuche bei uns vorbei. Wir waren gerade dabei, gemeinsam abzuwaschen, als Coco ein Häufchen auf die Sitzstange plumpsen ließ. Wie früher wollte seine Ex-Mama mit einem Stück Haushaltstuch das Malheur entfernen, da hörte ich urplötzlich einen schrillen Schrei und lautes Geflatter. Coco hing mit seinem Schnabel in ihrer Oberlippe! Sie riss ihren Kopf zurück und damit Coco von der Stange, packte ihn, drehte ihn irgendwie aus der Lippe, brüllte "Du Scheißvieh!" und warf ihn mit voller Wucht Richtung Küchenboden. Ich sah Coco schon zerschmettert auf dem Boden sein Leben aushauchen. Doch da kannte ich Coco nicht. Kurz vor dem Aufprall breitete er seine Flügel aus, bremste dadurch seinen Fall und landete elegant und sicher auf dem Boden. Er guckte etwas verdutzt, leckte sich ihr Blut vom Schnabel - und LACHTE!! Auf diese zugegeben leicht skurrile Weise kommentiert Coco durchweg seine erfolgreichen Attacken. Vielleicht war dieser Angriff eine Schreckreaktion, vielleicht aber auch Vergeltung dafür, dass er schon wieder von einer Bezugsperson verlassen wurde - ich weiß es nicht.

Heute, nach vielen Jahren trauter Zweisamkeit, hat Coco seine ernsthaften Beißattacken eingestellt. Nur ab und zu zwickt er mal ein wenig als Ausdruck seines Unmuts, zum Beispiel wenn das Spielen und "Kämpfen" ausufert oder ihm das Kraulen zu viel wird. Dann versucht er manchmal, mich mit dem Schnabel zu erwischen, um mir so die Grenzen aufzuzeigen.

Tischlein deck dich

Coco ist ein wahres Leckermaul, Gourmet und Gourmand in Personalunion. Am liebsten (und fast ausschließlich) futtert er in Gesellschaft. In seiner Gegewart "ungestört" zu essen ist kaum möglich, denn er fordert vehement seinen Anteil. Dummerweise frisst er instinktiv so schnell und viel er eben kann, was beim Essen mitunter etwas stressig sein kann, weil er, sobald er geschluckt hat, mit zunehmend lauterem "Coco!!!" Nachschub "bestellt". Am liebsten isst er heiss, scharf und möglichst fettig. Seine Speisekarte:
Morgens und mittags:
Selten Körner, öfter und lieber Ciabatta belegt mit Lachs, Käse, Leberpastete, Schinken usw.)
Abends: Hauptsache heiß
Goji-Beeren (nur warm und weich, vollgesogen mit Sauce usw.)
Oliven (sowohl heiß als auch kalt)
Garnelen in Olivenöl gegrillt mit Knoblauch und Chilischote
Kartoffeln (nur heiss und mit irgendeiner "Flüssigkeit")
Sämtliche Pastagerichte (heiss, scharf, mit Sauce, Parmesan)
Eintöpfe und Suppen aller Art (möglichst heiß und scharf)
Sämtliche Käsesorten (heiß oder kalt, ab und zu)
Erhitzte Möhren, Rosenkohl, Zucchini, Fenchel usw. (Notlösung)
Matjes, geräucherte Makrele, Räucherlachs
Frische rote Paprika, frische Möhre, frischer Fenchel (ab und zu)
Als Nachtisch ein gern paar Körner (zum Schnabel putzen)
Sein ausgeprägter Appetit auf heiße Speisen und seine Vorliebe für hölzerne Kochlöffel legen die Vermutung nahe, dass sein erster Besitzer (der Seemann) ein Schiffskoch war.
Nachts bevor das Licht ausgeht:
1/2 Walnuss in der Schale (wird mit sehr großem Nachdruck täglich gefordert!)
Obst: meist Banane, Apfel, Mango, Weintrauben, Orange
Zu guter Letzt: Noch mal ein paar Körner
Im Sommer im Garten:
Löwenzahnblätter- und Wurzel, Früchte der Felsenbirne

Endlich richtig vogel-frei

Im Lauf der Jahre vergrößerte sich sein Lebensraum immer mehr. Lebte er anfangs nur in seinem (viel zu) kleinen Käfig, besteht seine aktuelle Heim-"Voliere" aus Küche, Flur, Wohn- und Arbeitszimmer sowie einem kleinen Garten. Der Käfig ist für ihn jedoch nach wie vor sehr wichtig, ist seit nunmehr 43 Jahren sein sicherer Rückzugsort, Schlafplatz und Sandbad. Abends trage ich den Käfig ins Wohnzimmer und stelle ihn neben das Sofa, wo er von Coco als Freisitz und Futterplatz genutzt wird. Im Gegensatz zu früheren Zeiten ist die Käfigtür tagtäglich rund um die Uhr geöffnet. Coco kann sich in Wohnung und Garten frei bewegen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich seine freie Entfaltung auch schon mal bremse, zum Beispiel wenn er beim Scharren im Sand denselben in der gesamten Wohnung verteilt oder seinen Schnabel an Türkanten und Korkboden abarbeitet.

Cocos Leben ist geprägt von einer klaren, selbst geschaffenen Struktur. Bedingt durch seinen ursprünglichen Lebensraum in Äquatornähe hat er einen festen 12-Stunden-Rhythmus, den er konsequent beibehält. Darüber hinaus hat er etliche ritualisierte Verhaltensweisen entwickelt.
Morgens: Kafig abdecken und saubermachen, Coco besteigt die Hand, lässt sich durchkraulen, auf den Kletterbaum setzen, wo er ein kurzes Tänzchen aufführt und dann seine tägliche Dosis Granatapfelsaft konsumiert.
Post: Kaum betritt der Briefträger das Haus, beginnt ein Wettlauf zum Briefschlitz. Ist Coco der Sieger, beginnt das große Post fetzen, wenn ich schneller bin, kann ich die wichtigen Briefe retten. Die Stadtteilzeitung darf er dann alleine "lesen".
Mittags: Gegen Mittag wechselt er seinen Standort. Irgendwann kommt er ins Arbeitszimmer gewatschelt und entert seine Staffelei, die neben meinem Schreibtisch steht. Dort putzt er sich ausgiebig, frisst ein wenig, schläft zwischendurch und lässt sich kraulen. Zwischendurch macht er immer wieder kleine Ausflüge zu Kabeln, Ecken, Bücherrücken und anderen Stellen, die tabu für ihn (seinen Schnabel!) sind. Ich vermute, dass er seine Ziele durchaus bewusst auswählt, da sein unerwünschtes Verhalten notgedrungen mit Aufmerksamkeit "belohnt" wird.
Abends: Der Abend ist natürlich seine Lieblingszeit, denn jetzt erwartet ihn endlich sein Höhepunkt des Tages: Abendessen! Dazu bringe ich abends seinen Käfig ins Wohnzimmer. Nach ausgiebigem Festmahl, Verdauungsschlaf und intensiver Kraul- und Spielphase gehts dann gegen Mitternacht inklusive Käfig wieder zurück zu seinem Schlafplatz in der Küche.

Im Garten: Anfangs stellte ich Coco hin und wieder mit Käfig in den Garten. Ziemlich bald wurde mir bewusst, wie paradox es ist, dass ich ihn raus ins Freie bringe, um ihn dort im Käfig einzusperren. Also klemmte ich einen Ast ins Gebüsch und fertig war sein Freisitz im Grünen. Es war schon ein gewisses Risiko, in einfach raus zu setzen, aber ich hatte das klare Gefühl, das das jetzt das Richtige war. Er flog ohnehin nur sehr selten und nur kurze Strecken, außerdem sind Amazonen in erster Linie Kletterer. Und so sass er nun auf seinem Ast in seinem Busch wie ein König in seinem Reich. Dies war natürlich ein ziemlich ungewohntes Umfeld, das er anfangs mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis nahm. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit startete er Expeditionen in die dicht bewachsene Umgebung. Dort begann er sogleich, den neuen Lebensraum seinen Bedürfnissen anzupassen. Er rodete schnell und gründlich wie ein Waldarbeiter, Äste, Blätter und Blüten aller Art wurden innerhalb seines Aktionsradius rigoros abgeholzt.

Seine Haupttätigkeit im Garten besteht aus Schlafen und Gefiederpflege. Ab und zu klettert er ein Stück weit in die Felsenbirne und nascht dort ein paar Früchte, sofern die Amseln nicht alles weggefuttert haben. Die größte Aktivität jedoch entfaltet er im warmen Sommerregen. Das genießt er sehr, er versucht, jeden Tropfen einzufangen und klettert grundsätzlich dem Regen entgegen, also immer so weit nach oben, wie es das Gewächs eben hergibt. Er klettert sehr schnell und gut aufwärts, der Weg abwärts fällt ihm leider nicht so leicht. Nicht selten muss ich ihn dann irgendwie nach unten lotsen und manchmal sogar regelrecht "retten".

In den 25 Jahren seiner Gartenfreiheit gab es keinen einzigen Fluchtversuch und kaum 10 Flugrunden mit sofortiger, fast schon panischer Heimkehr zu seiner vertrauten Nahrungsquelle. In den letzten Jahren hat die Anziehungskraft des Gartens allerdings deutlich nachgelassen. Ich vermute, dass er sich aufgrund seiner Sehbehinderung nicht mehr sicher fühlt in einer für ihn diffusen Umgebung ohne Grenzen, ohne statische, jahrelang eingeprägte Bezugspunkte. Nein, er ist kein großer Naturfan, ganz eindeutig mag er seine Wohnung lieber als den Garten.

Grauer Star

Am 3. Juli 2014 hatte Coco einen Unfall. Beim Spielen startete er mal wieder einen seiner seltenen Flugversuche. Dummerweise verfehlte er sein anvisiertes Ziel (seine Staffelei), krachte mit dem Kopf gegen den Schreibtisch und stüzte gen Fußboden. Da saß er nun, bewegungslos und mit geschlossenen Augen. Er war zu rein gar nichts mehr fähig, war völlig desorientiert, fand nicht mal mehr seinen Fressnapf und hielt die Augen permanent geschlossen. Tierarztdiagnose: Schwere Gehirnerschütterung, eventuell sogar Hirnblutung. Und die Aussage: "Kein Wunder, dass er seinen Sitzplatz verfehlt hat, er hat ja auch grauen Star und ist nahezu blind." Ich hatte zwar schon längere Zeit das Gefühl, dass er nicht mehr so gut sieht, aber grauer Star und BLIND? Das war mir neu. Jedenfalls hatte sich durch das Unfall-Trauma sein altersbedingter grauer Star in Minutenschnelle dramatisch verschlimmert, anders als noch vor Tagen waren beide Pupillen komplett von einem grauen Schleier überzogen.

Zum ersten Mal in seinem langen Leben wurde er von Kopf bis Fuß durchgecheckt. Das Resultat: Sehr guter Allgemeinzustand, Blutwerte sehr gut, bis auf leicht erhöhte Leberwerte, was aber für eine Amazone seines Alters völlig normal wäre. Amazonen lieben fettreiche Kost einfach zu sehr. Die Sehschwäche erklärte auch seine wachsende Abneigung gegen den Garten und das Einstellen jeglicher Flugaktivität. Früher drehte er schon mal eine Runde im Garten oder flog von der Küche ins Arbeitszimmer auf seinen Staffelei-Sitz. Das geht nun nicht mehr, denn ohne ausreichendes Sehvermögen fliegt ein Vogel nicht. Hätte er sein Leben in freier Wildbahn verbracht, wäre er schon seit Jahren tot, erlegt von einem seiner vielen natürlichen Fressfeinde.

Die Therapie bestand aus 3 Wochen absoluter Ruhe, Vitamin B, einem Stärkungsmittel für Kleintiere und Mariendistel. Sehr langsam erholte er sich, fand sich langsam wieder in seiner Umgebung zurecht und auch die Linsentrübung ging erkennbar zurück. Nach 3 Monaten war er schon wieder fast der Alte. Da er die Mariendistel partout nicht konsumieren wollte, habe ich sie durch frisch gepressen Granatapfelsaft ersetzt, wovon er bis heute täglich nach dem Aufstehen mit großem Vergnügen einen Teelöffel wegschlabbert. Inzwischen hat sich seine durch das Unfalltrauma enstandene Sehschwäche wieder zurückgebildet auf den Stand vor dem Crash, er ist wieder mindestens so fit und vital wie zuvor, eher sogar noch mehr, denn durch den Unfall und die daraus folgenden Tierarztkontakte veränderten sich seine Lebensumstände ein weiteres Mal:

Der Star von Eppendorf

Für die Tierarztbesuche konnte Coco endlich auch seinen bis dahin unbenutzten Transportrucksack einweihen. Er akzeptierte den Rucksack von Anfang an und ließ sich gern hineinsetzen. Ein kleiner, geschlossener Raum, in dem er sich offensichtlich geschützt und sicher fühlte. Sobald ich ihn auf dem Rücken hatte, fing Coco an zu pfeifen. Das Ausgehen schien ihm gut zu gefallen, offenbar mochte er das rhythmische Schaukeln, die Reize einer neuen Umgebung und den Kontakt zu "neuen" Menschen. Vermutlich war es das Gesamtpaket. Als ich der Tierärztin davon erzählte, empfahl sie mir, mit Coco möglichst oft nach draußen zu gehen, ihm möglichst viel Tageslicht zu gönnen. Seitdem gehen wir bei halbwegs schönem Wetter häufig raus ins Freie. Es gab schon Ausflüge ans Meer, einen Kurzurlaub in der Uckermark, nicht selten gehen wir gemeinsam einkaufen, ins Strassencafe in der Eppendorfer Landstrasse, auf den Markt, in den Park, an die Alster. Überall ist Coco gern gesehen, bekommt auf dem Biomarkt vom Nudelstand kleine Portionen spendiert, in den Strassencafes immer seine eigene Stuhllehne und reichlich Aufmerksamkeit von bekannten und unbekannten Menschen. Auffällig, jedoch nicht wirklich überraschend: Besonders interessant finden ihn alte Menschen, Kinder und Frauen, und so kommt es nicht selten zu Kontakten. Meist beginnt es mit den üblichen Fragen "Kann er sprechen?", "Fliegt er nicht weg?", "Wie alt ist er denn?". Coco mag es, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, und gern und oft wird er fotografiert. Nur Fremdstreicheln ist schwierig, besonders bei Kindern ist das "Schnabelrisiko" doch ein wenig groß, weil unkalkulierbar. Seine Präsenz öffnet die Menschen, lässt sie lächeln, erzählen und hellt die Mienen auf. Coco, der grüngefiederte Therapeut von Eppendorf.

Coco im (Schwarz)Wald

Im Frühsommer machte ich mit Coco einen Ausflug in den Schwarzwald. Die 8-stündige Reise hat er in seinem Rucksack bestens bewältigt. Allerdings wurde es ihm im Lauf der Stunden wohl doch etwas eng und eintönig, denn irgendwann hörte ich seltsame Geräusche aus dem eigentlich schnabelsicheren Rucksack. Er hatte tatsächlich eine Stelle gefunden, an der er seinen Schnabel zum Einsatz bringen konnte und zerfetzte genüßlich eine zum Glück nicht wirklich relevante Filzapplikation! In der Unterkunft fühlte er sich natürlich nicht ganz so sicher wie zuhause in Hamburg, wo er jede Ecke kennt und sich blind zurechtfindet. Und er bekam Gesellschaft: Eine Katze und zwei riesige Hunde (Leonberger). Das Zusammensein klappte recht gut, einmal jedoch startete die Katze einen Fangversuch. Es geschah beim Frühstück auf der Terrasse. Alles schien völlig entspannt zu sein, doch ich hatte mich für einen Moment von der sich friedlich unter Coco putzenden Katze in trügerische Sicherheit wiegen lassen. Kaum eine Minute nach dem Foto links flog direkt neben mir etwas Schwarzes durch die Luft, ich hörte ein intensives Fauchen und musste miterleben, wie die eigentlich sehr liebe Katze urplötzlich mit griffbereiten Vorderpfoten auf Coco zuschoss wie eine Rakete. Coco riss seinen Schnabel auf, breitete seine Flügel aus, hob sein linkes Bein zur Abwehr und fauchte ebenso grimmig zurück. Die Katze wurde abgewehrt und stürzte unverrichteter Dinge ab. Das Ganze dauerte vielleicht 2 Sekunden, dann stand der Sieger fest. Die Katze war offensichtlich ziemlich frustriert, blieb aber in der Folgezeit höchst interessiert an dem grünen Wesen.

Eines Tages ergab sich eine Begegnung mit einem Artgenossen. Hinter einem Restaurant befand sich eine Voliere mit zwei Graupapageien. Der graue Verwandte war sehr interessiert an Coco, kam sofort ans Gitter, balzte und pfiff. Coco jedoch war überhaupt nicht interessiert, er reagierte ängstlich und versuchte, auf meine Schulter zu flüchten.

Einen besonders schönen Tag hatten wir auf einer Lichtung im Wald. Coco relaxte auf diversen Ästen und erkundete den Waldboden. Dort hatte er reichlich Baumstümpfe zur freien Auswahl und konnte endlich mal ungestört und nach Herzenslust den Schwarzwald schreddern, was ihm sichtlich Spass machte.

Doch so schön und abwechslungsreich die Reise auch war: Wohler als in der Fremde fühlt sich Coco in seiner gewohnten Umgebung. Offensichtlich ist nicht nur der Mensch, sondern auch der Papagei durch und durch Gewohnheitstier.